Wen soll ich wählen?

Immer wieder stellt sich die Frage: Wen soll ich wählen? Hier zwei vernünftige Antworten: Informieren Sie sich zunächst mit Hilfe eines Wahlomats (z. B. wahlomat.de) über die politischen Angebote, die es zu wählen gibt. Prüfen Sie dann, wie Sie Ihre Stimme sinnvoll einsetzen können. Anders herum gesprochen: Verschenken Sie Ihre Stimme nicht!

Wie das geht, sagt Ihnen Wahlomat & Co.

Wahlomaten im Überblick auf der Seite Wahlomat & Co. wähl’n.

Modell
Angenommen, es gäbe die Parteien Aaa, Bbb, Ccc, Ddd, Eee, Fff und Ggg zu wählen. Und angenommen Aaa, Bbb, Ccc und Ddd waren bei dieser Wahl in der Vergangenheit bereits einmal in Regierungsverantwortung (wurden also schon mal gewählt und stellten dann auch einen Teil der Regierung, als Führungspartei oder Koalitionspartner). Im Gegensatz dazu soll das bei den Parteien Eee, Fff und Ggg noch nie der Fall gewesen sein; Eee ist allerdings schon sehr lange “im Rennen”; bei dieser Wahl könnte es vielleicht erstmals klappen, Teil der Regierungskoalition zu werden. Bei Fff und Ggg wird es dagegen ganz sicher nicht klappen; bei Ggg ist es zudem nicht einmal sicher, ob die Partei die 5 %-Hürde überwindet.

Ist diese Annahme realistisch? Ja – für die anstehende Bundestagswahl 2017 bspw. ist unumstritten, dass nur eine Koalition aus den Parteien CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP Regierungsverantwortung übernehmen wird. Für die Partei die Linke gibt es diese Möglichkeit wahrscheinlich nicht, obzwar dies hier und da diskutiert wird. Für alle restlichen Parteien aber gilt als sicher: Sie werden garantiert nicht in Regierungsverantwortung kommen!

Nachfolgend ein Beispiel mit beliebig ausgewählten Prozentpunkten – die aktuelle Parteienlandschaft soll in diesem Modell unberücksichtigt bleiben. Achten Sie darauf, was das Wahlergebnis verspricht, d. h. welche Koalitionsmöglichkeiten sich ergeben.

Nach der Wahl stehen lediglich die drei gezeigten Koalitionsmöglichkeiten mit Stimmanteil >= 50 % zur Auswahl:
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66,0 % | Aaa + Bbb
51,0 % | Aaa + Eee + Ddd
50,0 % | Aaa + Eee + Ccc
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Eine Möglichkeit mit nur einer regierenden Partei gibt es nicht – dazu haben die grossen Parteien Aaa und Bbb selbst zu wenige Stimmen. Die zwei-Parteien-Koalition oder “grosse Koalition” Aaa-Bbb erhält die meisten Stimmen. Ansonsten sind nur zwei drei-Parteien-Koalitionen möglich. Diese liegen aber jeweils nur knapp über 50 %. Die Partei Aaa ist in allen Möglichkeiten vertreten. Damit Aaa eine stabile Regierung bilden kann, stehen die Zeichen auf “grosse Koalition”; nur dann liegt der Stimmanteil sicher über 50 %. Vorteil einer solchen “GroKo”: Sie hat viele Prozentpunkte und kann somit vieles erreichen, wenn sie will. Nachteil: Die Opposition, das Korrektiv, hat nur wenig Einfluss, falls die GroKo nicht zufriedenstellend arbeitet.

Ist auch diese Annahme realistisch? Ja – in den 16 Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland gibt es nur einen Landtag, der von einer einzigen Partei regiert wird (BY). Des weiteren gibt es zehn zwei-Parteien-Koalitionen (BB, BW, HB, HE, HH, MV, NI, NW, SL, SN) und fünf drei-Parteien-Koalitionen (BE, RP, SH, ST, TH). Die zwei-Parteien-Koalition ist die häufigste Koalition. Auch der Bundestag der Bundesrepublik Deutschland wird seit Jahrzehnten von einer zwei-Parteien-Koalition regiert, aktuell die GroKo aus CDU/CSU und SPD.




Frage 1 an das Modell:
Soll man eine Partei wählen, die eventuell an der 5 %-Hürde scheitert?

Lohnt es sich für obiges Ergebnis (“GroKo”) überhaupt die Partei Ggg zu wählen, die nur 5 % der Stimmen erhält? Eventuell erhält sie diese Stimmen ja nur knapp – mit 4,999 % der Stimmen würde die Partei unter der 5 %-Hürde verbleiben; die Stimmen wären “verloren”. Stimmt diese Überlegung? Bewerten Sie selbst!

Hier das entsprechende Beispiel. Die Partei Ggg scheitert mit 4,999 % der Wählerstimmen an der 5 %-Hürde; die Stimmen “verfallen” und werden entsprechend der von den anderen Parteien erreichten Stimmgewichte an diese verteilt, so dass am Ende in der Summe wieder 100,0 % der Gesamtprozentpunkte erreicht werden – da 5 Prozentpunkte “verloren” gehen (unter der 5 %-Hürde bleiben) werden alle Zahlen mit “100/(100-5)” = “100/95” multipliziert – jede Partei, die es über die 5 %-Hürde geschafft hat, profitiert davon entsprechend:

Wie man am Beispiel sieht, sind die Stimmen nicht verloren. Sie verbessern die Positionen der anderen Parteien. Im gezeigten Beispiel gibt es jetzt sogar drei (statt nur zwei) Koalitionsmöglichkeiten für drei-Parteien-Koalitionen. Zudem haben diese Koalitionen an Stimmengewicht hinzugewonnen, wären also stabiler, wenn sie in Regierungsverantwortung kommen würden.
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69,5 % | Aaa + Bbb
53,7 % | Aaa + Eee + Ddd
52,6 % | Aaa + Eee + Ccc
50,5 % | Aaa + Ddd + Ccc
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Ist das realistisch? Ja – und das ist gut so. Durch die 5 %-Hürde “verlorene” Stimmen sind nicht verloren sondern wirken sogar “demokratiefördernd”. Bspw. Sie wählen die nichtdemokratische NPD; diese verbleibt aber unterhalb der 5 %-Hürde. Ergebnis: Die NPD profitiert nicht von Ihrer Stimmabgabe. Ihre Stimme unterstützt die verbleibenden (demokratischen) Parteien.




Frage 2 an das Modell:
Kann man vermeiden, dass man seine Stimme verschenkt?

Wenn die Stimme eventuell “verschenkt” ist (siehe oben), hätte man doch gleich etwas anderes wählen können!? Ja, hätte man! Denn das würde dann auch wieder die Wahrscheinlichkeit für weitere Koalitionsmöglichkeiten erhöhen. Dies zeigt das nächste Beispiel: Die Ggg-Wähler verzichten hier auf die Wahl von Ggg und geben dafür ihre 5 Prozentpunkte an die etablierten Parteien Aaa, Bbb, Ccc und Ddd ab – und zwar jeder Wähler wie er will:

Im Beispiel resultieren nunmehr vier Koalitionsmöglichkeiten für drei-Parteien-Koalitionen. Zum ersten Mal eröffnet sich die Möglichkeit, dass nicht Partei Aaa die regierungsführende Partei wird, sondern auch für Bbb ergibt sich eine entsprechende Koalitionsmöglichkeit. Ein ganz wichtiger Effekt: Die Macht von Aaa wird durch die Verlagerung der (ansonsten vielleicht verlorenen) Stimmen beschnitten; auch Bbb kann jetzt eine Koalition bilden. Konkurrenz belebt das Geschäft, auch bzw. insbesondere in der Parteienlandschaft!
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69,0 % | Aaa + Bbb
53,0 % | Aaa + Eee + Ddd
52,0 % | Aaa + Eee + Ccc
51,0 % | Aaa + Ddd + Ccc
50,0 % | Bbb + Eee + Ddd
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Ist auch das realistisch? Ja, auch das ist realistisch. Es ist wichtig, dass es viele Möglichkeiten für eine Regierungsbildung gibt. Nur auf diese Weise können neue Antworten auf neue Fragestellungen gefunden werden. Die Parteienlandschaft muss aktiv bleiben – nur so können sich die Parteien nicht auf sicheren Mehrheiten “ausruhen”.




Frage 3 an das Modell:
Soll man eine Partei wählen, die garantiert nicht an der Regierung beteiligt wird?

Lohnt es sich die Partei Fff zu wählen, wenn sie nach der Wahl garantiert nicht zur Regierungskoalition gehören wird? Natürlich stärkt die Partei Fff die Opposition und deren Arbeit, auch das ist wichtig! Aber wählt man nicht vor allem deswegen, weil es in diesem oder jenem Bereich “voran gehen soll” und nicht vor allem deswegen, um andere zu blockieren und in die Schranken zu verweisen? Was ist mit dieser Überlegung? Ist sie etwas wert? Bewerten Sie es selbst!

Im folgenden Beispiel lassen auch einige Fff-Wähler von ihrem Vorhaben ab, die Fff-Partei zu wählen. Sie entscheiden sich dafür anstelle von Fff eine Partei zu wählen, die (hoffentlich, aber immerhin mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit) in Regierungsverantwortung kommt und dann auch etwas in ihrem Sinne erreichen kann. Um diesen Effekt zu illustrieren wandern hier vier Prozentpunkte der Fff-Partei ab zu den Parteien Aaa bis Ddd, aber auch zur Partei Eee. Die verbleibenden Prozentpunkte der Fff-Partei “verfallen” (5 %-Hürde, siehe oben):

Beachten Sie das Ergebnis! Wundert es Sie? Es ergeben sich wiederum weitere Möglichkeiten für Regierungskoalitionen – inzwischen schon Sieben an der Zahl:
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73,2 % | Aaa + Bbb
57,7 % | Aaa + Eee + Ddd
56,7 % | Aaa + Eee + Ccc
54,6 % | Bbb + Eee + Ddd
53,6 % | Aaa + Ddd + Ccc
53,6 % | Bbb + Eee + Ccc
50,5 % | Bbb + Ddd + Ccc
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Man kann dieses Modell spielen wie man will: Die Entscheidung “für etwas” zu stimmen führt stets zu einer grösseren Auswahl an Möglichkeiten als umgekehrt! Eine grössere Auswahl bedeutet automatisch mehr Wettbewerb. Mehr Wettbewerb verspricht bessere – und neue – Lösungen. Es lohnt sich darüber nachzudenken!

Wie heisst es so schön: “Tun, nicht meckern!”
Gehen Sie wählen! Wählen Sie!

Fazit
Wer kleine Parteien wählt, die nicht in Regierungsverantwortung kommen werden, fördert hauptsächlich die Entstehung grosser zwei-Parteien-Koalitionen. Ein grösseres Parteienspektrum mit mehr Regierungskoalitionen wird möglich, wenn man eine derjenigen Parteien wählt, die wenigstens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in Regierungsverantwortung kommen und somit etwas erreichen können. Konkurrenz belebt das Geschäft, insbesondere in der Parteienlandschaft!

Dies ist keine Wahlempfehlung – lesen Sie bitte nochmals Absatz 1 auf dieser Seite!
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